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Neulich bei der Sparkasse
Von Lothar Radermacher

Es heißt ja, dass man im Alter wieder wird wie früher als Kind. Für mich trifft das zumindest als Kunde einer Bank zu: Im Alter von fünf Jahren richteten meine Eltern ein Sparbuch bei der Kreissparkasse Altenkirchen in Wissen für mich ein. Die Sparkasse kam damals, 1968, donnerstags um 14 Uhr mit einem Bus zu uns ins Dorf. Dort leerte ich in den Folgejahren meine rote Sparbüchse und sah zu, wie das Guthaben in meinem Sparbuch eingetragen wurde. Das war bequem und motivierend. Alles wirkte so, als müsste es so sein.
Im Erwachsenenleben wechselte ich dann von der roten zur blauen Bank, wie es im Banker-Jargon heißt. Das war meine bewusste Entscheidung für das Genossenschafts-prinzip, weil der maßgebliche Begründer dieser weltweit erfolgreichen und guten Idee, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, nur zehn Luftkilometer von meiner Geburtsstadt Wissen an der Sieg, in Hamm geboren war. Das Heimatliche verbindet, neben der Überzeugung von seinem wegweisenden Gemeinschaftskonzept.
Die Umstände haben mich mit 60 wieder zur Sparkasse geführt, was hier zunächst nicht weiter wichtig ist. Relevant ist dagegen, dass ich beide Banken-Gruppen, die öffentlichen Sparkassen wie die Genossenschaftsbanken, stets im Unterschied zu den Privatbanken für auch dem Gemeinwohl, nicht nur den eigenen Geschäftsinteressen verpflichtet gehalten habe und, altmodisch wie ich bin, bis heute halte. Damit kommen wir zu dem Punkt, der politisch wird.
Bereits seit mehr als 20 Jahren beobachte ich, dass rote und blaue Banken diese Gemeinwohlverpfichtung zunehmend missachten, mindestens aber vernachlässigen. In der Öffentlichkeit fällt das weniger auf, denn sie verstehen sich auf Pressearbeit und das Verteilen von Schecks an Vereine und für gemeinnützige Zwecke, was auch löblich bleibt.
Die harte Währung des Selbstverständnisses wird jedoch alltäglich in den Filialen und gegenüber den Kunden erkennbar. Hier sehe ich vieles, was mir nicht gefällt. Finanzierungen für Unternehmen und Bau- und Kaufwillige werden nicht mehr so geleistet wie in der Vergangenheit. Dabei ist mir bewusst, dass die Basler Vorschriften das Bankgeschäft schwieriger gemacht haben und die Kapitaldienstfähigkeit hart geprüft wird. Es kommt eben nicht mehr in erster Linie auf Sicherheiten an, wie die meisten Kunden immer noch glauben.
Aber es gibt Übertreibungen, mangelndes Engagement, übertriebene Ängstlichkeit, mangelnde Neugier und vor allem sehr viel Bequemlichkeit. Die Kriterien für die Gewährung oder Ablehnung eines Kredits werden dem gewünschten Ergebnis angepasst. Von Kapitaldienstfähigkeit wird gesprochen, Sicherheiten werden dennoch verlangt auch von jungen Menschen und Unternehmensgründern, die sie ohne familiäre Hilfe gar nicht haben könnten. Der Schwerpunkt verschiebt sich vom Kreditgeschäft ins Anlagegeschäft. Die Provisionen sind dort besser, die Risiken, zumindest für die Banken, geringer. Ich habe nichts gegen Anlagegeschäfte, doch das sind private Entscheidungen, die mich nichts angehen. Aber ich habe etwas dagegen, wenn Menschen, die etwas unternehmen und aufbauen wollen, ausgebremst werden. Und das geschieht in unzähligen Fällen auch und gerade von Sparkassen, die durch die traditionelle, in Teilen noch fortwirkende Gewährträgerhaftung über eigene, unvergleichliche Sicherheiten verfügten und bis heute davon profitieren und deren Gemeinwohlorientierung gesetzlich festgelegt ist. Landräte und Bürgermeister sitzen zwar im Verwaltungsrat, aber ich frage mich: wird ihnen wirklich berichtet, was für die Zukunft geleistet wird, wie viele Baufinanzierungen, wie viele Begleitung von Unternehmensgründungen in einem Jahr erfolgt sind? Fragen sie danach oder lassen sie sich von den immer noch sehr guten Zahlen blenden und fragen eben nicht, solange die Zahlungen in die öffentlichen Haushalte stimmen? Sie könnten doch mit ihren kommunalen Räten Vorgaben machen, wie viele Bau- und Unternehmensfinanzierungen im Jahr zumindest anzustreben sind. Mindestens jedoch könnten sie sich über diese Zahlen jährlich und auch unabhängig informieren lassen, über Entwicklungen und Schwierigkeiten. Ist das von ihnen wirklich gewollt?
Die Zahlen sind immer noch so gut, weil die Klientel der Sparkassen überdurchschnittlich alt und wohlhabend ist. Da gibt es viele Polster und gute Anlagegeschäfte. Und bei der Risiko-Aversion unseres Volkes und gerade der älteren Bevölkerung lässt sich jede Kreditablehnung mit der Vermeidung von Risiken für die Einlagen begründen, was immer ankommt, auch wenn die Immobilien werthaltige Sicherheiten darstellen und die KfW eine achtzigprozentige Haftungsfreistellung für den Kredit bietet. Aber es ist eben bequemer und wesentlich profitabler, die Einlagen gering zu verzinsen und ohne jedes Risiko bei der Zentralbank mit einem guten Aufschlag anzulegen. Ein Privater verhält sich auf diese Weise rational, aber eine öffentliche Sparkasse darf meiner Meinung nach nicht so handeln, erst recht nicht ständig unter Missachtung dessen, was nicht nur für das nächste Geschäftsjahr, sondern für die weitere Zukunft und Entwicklung der Region und ihrer Bürger gut ist.
Ich glaube, dass sie ihre Aufgaben damit verfehlt und halte „Bequemlichkeit, Kurzfristigkeit, Desinteresse und Ignoranz“ für die maßgeblichen Stichworte, die die Probleme beschreiben. Geboten werden 0815-Lösungen für 0815-Kunden. Dabei würde der Weitblick gebieten, sich im Wettbewerb mit den vielen internationalen Fintechs und Internetbanken zu sehen, die auch den deutschen Markt erobern, sich vor allem an junge Kunden wenden, aber auch lukrative Verzinsungen bieten. Vielleicht kann der Weitblick von einzelnen Mitarbeitern nicht erwartet werden, von der Führung der Sparkassen, den gutbezahlten Vorständen, und den öffentlichen Aufsehern aber doch sehr wohl.
Von der Finanzierung und Pflege unseres in allen Sonntagsreden gelobten Mittelstandes ist überall die Rede, aber meine Erfahrung ist so, wie ich sie an den beiden nachfolgenden Beispielen deutlich machen möchte.
Der Interessent möchte eine Hotel-/Restaurant-Immobilie für EUR 750.000,00 kaufen und fragt nach einer Finanzierung in Höhe von 50 Prozent, da die Verkäufer bereit sind, wegen der zweiten Hälfte einen Privatkredit zu gewähren und für die sichernde Grundschuld an die zweite Rangstelle zu treten. Die Zahlen stimmen, aber über einen Zeitraum von einem Jahr findet der eingeschaltete professionelle Finanzierungsvermittler keine Bank, die mitmacht, auch keine der angefragten regionalen Sparkassen. Im Kern heißt es trotz der günstigen Sicherheiten-Lage immer wieder: „Aus dem Gastronomie-bereich haben wir uns zurückgezogen, da gab es zu viele Probleme.“ Ich bestreite nicht, dass dieser Bereich für Banken schwierig ist, aber als Jurist kann ich das Postulat der Einzelfall-Prüfung nicht aufgeben und frage mich, wer denn sonst die Finanzierung stemmen soll, wenn nicht eine örtliche Sparkasse? Der Bürgermeister kommt gerne zum Essen, mischt sich aber in die Entscheidung, die im konkreten Fall immerhin 20 Arbeitsplätze betrifft, nicht ein. Risikovermeidung allüberall. Warum engagiert sich der Bürgermeister nicht für den Erhalt des beliebten Restaurants in seiner ländlichen Kommune - auch im Interesse der Bürger, die dort einen Treffpunkt haben? Er sieht doch, dass es kaum noch richtige Restaurants, sondern nur mehr Läden aller Couleur mit höchstens Stehmöglichkeit gibt. Das ist für mich ein Fall mindestens von Ignoranz.
Die Lösung wurde in diesem Fall übrigens durch einen Privatkredit der Verkäufer gefunden. Es kommt in meinem beruflichen Umfeld immer häufiger vor, dass die Bürger ihre Interessen ohne die Institutionen auf eigenen Wegen regeln.
Der Staat bekommt das durchaus mit, was die immer hysterischer werdenden sogenannten „Geldwäschevorschriften“ erklärt, die zu einer immer größeren Durchleuchtung der Bürger führen und die Kreditvergabe durch die Banken im Nebeneffekt noch einmal deutlich erschweren, weil sie bei jeder Regelabweichung auf angebliche oder nur scheinbare Zusatzprüfungen durch die Vorschriften und den hiermit verbundenen Aufwand verweisen können und dies häufig zum Anlass für eine Ablehnung nehmen.
Was mir weiter seit geraumer Zeit auffällt, ist der Umstand, dass jahrelange, ja jahrzehntelange Geschäftsbeziehungen keine Rolle mehr spielen, auch wenn sie unproblematisch gewesen sind. Die Loyalität der Kunden wird nicht erwidert.
Das zeigte sich besonders bei einer Unternehmensnachfolge in einem kleinen traditionellen, keramischen Industriebetrieb im Westerwald, seit 1956 ununterbrochen Kunde der regionalen Sparkasse. Erneut geht es um etwa 20 betroffene Familiengesellschafter und Mitarbeiter. Es fand sich ein sehr qualifizierter, geeigneter und motivierter Unternehmensnachfolger aus dem weiteren Familienkreis, Ende 30 mit besten Voraussetzungen - ein kleines Wunder.
Die angesprochene Hausbank sagte beim telefonischen Erstkontakt zum Thema, man solle die letzten Jahresabschlüsse schicken, dann werde man weitersehen. Warum war es nicht möglich, dass die Firmenkundenberaterin den Anruf zum Anlass nahm, einen persönlichen Termin anzubieten und sich das Geschäftsmodell und die Zukunftsvorstellungen vor Ort erklären zu lassen und sich bei Gelegenheit einen Eindruck von der kreditsichernden Immobilie zu verschaffen? Warum war das in allen zwölf Monaten nicht möglich, in denen über die Finanzierung gesprochen wurde?
Ist das nach 70 Jahren Geschäftsbeziehung zu viel verlangt? Hätten es 170 Jahre sein müssen, um die zehn Kilometer zwischen Geschäftsstelle und Unternehmenssitz zu überwinden? Leider bin ich davon überzeugt, dass die Dauer der Geschäftsbeziehung überhaupt nicht mehr zählt und das Geschäftsmodell und die traditionellen Industriearbeitsplätze in Wahrheit auch nicht mehr interessieren. Ich frage mich, wie die Bankberater unter diesen Umständen helfen können, wenn es mal schwierig wird, etwa durch einen Forderungsausfall, und ob sie das überhaupt wollen? Wir reden von einer öffentlichen Sparkasse.
Dass in diesem Fall die Finanzierung am Ende genehmigt wurde, hing übrigens mit der günstigen Konstellation einer werthaltigen Unternehmensimmobilie, einer weitgehenden Haftungsfreistellung durch die KfW und mit einem nicht unerheblichen Immobilienvermögen des Übernehmers zusammen, der für den Kredit trotz der vorgenannten Absicherungen persönlich haften muss. Wer tut sich das heutzutage noch an? Vor allem aber: Unter diesen lukrativen Voraussetzungen hätte es sicher auch private Finanzierungslösungen gegeben. Wozu dann noch öffentliche Sparkassen?
Diese und viele weitere Beispiele waren mir im Kopf, als ich neulich in die Zentrale der Sparkasse in der nahe gelegenen Großstadt zum Mittagessen eingeladen wurde. Es gab einen beruflichen Anlass, der Banker war mir seit langem bekannt und lud aus Zeitnot (und Bequemlichkeit?) in die Kantine ein. Bankräume habe ich in meinem langen Berufsleben viele gesehen, auch Vorstandszimmer, aber in der Kantine einer Sparkasse war ich noch nie, gewissermaßen im Herzen des Sparkassen-Kosmos.
Die Umstände fügten es, dass mein Ansprechpartner kurz nach der Begrüßung noch in seinem Büro etwas zu erledigen hatte und mich bat, im Vorraum zur Kantine zu warten. Dort befinden sich große Aushänge mit den hauseigenen Aktivitäten und ein Riesenschrank mit Sportpokalen, geschätzt mindestens 300, meist von Fußball-Turnieren zwischen den regionalen Sparkassen und anderen öffentlichen Trägern, Städten, Verbandsgemeinden und Kreisverwaltungen.
Mir ging durch den Kopf, wie viel Zeit von wie vielen Menschen eingesetzt worden sein muss, um diese Pokale („Dritter Platz beim Sparkassen-Turnier Trierer Land“, „Herbstmeister Verbandsgemeinde Untermosel“, jeweils mit Jahreszahl) zu erspielen. Denken wir das einmal durch: Turniere müssen nicht nur durchgeführt, sondern auch vorbereitet werden. Es müssen Betriebsmannschaften gebildet werden, die über das Jahr das Zusammenspiel üben. Ist es da verwunderlich, dass die Kassen spätestens ab 16 Uhr nicht mehr besetzt sein können? Was ist mit Verletzungen beim Spiel und den damit verbundenen Ausfällen? Rührt vielleicht daher der von den Sachbearbeitern so oft beschworene Personalmangel? Zugegeben, ich werde gerade etwas polemisch, aber der Anblick hunderter Pokale, die sicher nur einen Ausschnitt aus den gemeinsamen Freizeitaktivitäten darstellen und ebenso hundertfach auch in anderen Sparkassen und Verwaltungen ausgestellt sind, geht mir seither nicht mehr aus dem Kopf.
Vielleicht liegt der bleibende Eindruck auch an der besonderen Wahrnehmung, in diesen Krisenzeiten solch einen Platz der Stabilität und solch eine Insel der ungestörten Gewohnheiten anzutreffen. Rechts und links knallt es, und hier ist alles wie immer. Es hatte dadurch auch etwas Rührendes, wenngleich mir die innere Stimme sagte, dass von Menschen mit diesen Privilegien mehr verlangt werden kann als das, was sie geben.
Weiter ging es mit meinem Gastgeber zum Essen: Ein vollständiges Mittagsmenü für subventionierte EUR 4,80 mit Suppe, Hauptgericht, Dessert, Getränk. Angemeldete Gäste zahlen EUR 6,00. Das Essen war klassische Kantinenkost, begründet eher keinen Neidfaktor, sondern dient der zweckmäßigen Nahrungsmittelversorgung. Aber immerhin günstig, Nachschlag inbegriffen.
Als ob es in einem Drehbuch vorgesehen gewesen wäre, fragte mein freundlicher Gastgeber beim Verlassen der Kantine, ob es möglich sei, dass ich öfter mal vorbeikommen können, ich würde zweimal die Woche in der Nähe arbeiten. Die robuste Kantinendame meinte sehr klar, dass das leider völlig ausgeschlossen sei. Die Kantine sei nur für die Mitarbeiter der Sparkasse und „auch noch“ die von der Stadt- und Kreisverwaltung da. Mehr gehe wirklich nicht, man sei schließlich kein öffentliches Restaurant.
Nun bin ich vernünftig genug einzusehen, dass es Grenzen der Kapazität und der Subventionierung gibt; insofern kann ich mit diesem deutlichen Ausschluss aus dem Sparkassen-Kosmos leben - soweit es die Kantine betrifft. Aber schlagartig wurde mit dieser Äußerung der Kantinendame klar: Ja, das ist hier wirklich ein geschlossener Kreis, in dem zusammen gearbeitet, gegessen, die Freizeit gestaltet und vermutlich auch liiert und geheiratet wird. Gleich und gleich gesellt sich gern.
Ist es abwegig, anzunehmen, dass dieser geschlossene Kosmos der öffentlichen Subsysteme und Vollversorgung das Denken prägt und in vielen Fällen auch begrenzt? Könnte es sein, dass es die Empathie für Menschen, die über weniger Sicherheiten im Leben, über weniger sichere Arbeitsplätze verfügen, einschränkt nach dem Motto: Warum hat sich dieser Kunde ein anderes Leben ausgesucht als ich? Er hätte doch auch…
Und ist es nicht realistisch, aus diesem Kosmos im Kleinen auf die politischen Kreise in Bund und Ländern zu schließen, die aus ihrer berüchtigten Blase nicht herauskommen und deswegen das Leben der Normalbürger mit seinen Risiken und Rückschlägen nicht mehr verstehen?
Hier scheint mir ein sehr grundlegendes Problem zu liegen, das Ursache ist für viele Verwerfungen zwischen Führung und privilegierten öffentlichen Bereichen einerseits und den allermeisten Bürgern andererseits, zwischen den Abgesicherten und denen, die sich jeden Tag gegen das Prekäre wehren müssen. Diese unsichtbare Wand werden wir durchbrechen müssen, wenn wir eine Demokratie bleiben wollen.
Seit meiner Kindheit hat sich die Welt mehrfach gedreht. Ich kann damit leben, dass der Sparkassenbus nicht mehr kommt. Aber als Bürger kann ich mich nicht damit abfinden, dass sich privilegierte öffentliche Kreise abkapseln und das Leben der Normalbürger nicht mehr verstehen können und oftmals erkennbar nicht mehr verstehen wollen.